Samstag, Mai 31, 2008

Erinnerungen an den Zeitball von Lissabon, den sich viele wieder wünschen

Historischer Rückblick.
Die Uhren der offiziellen Zeitanzeige

Uhr Nr. 1
1377
, die erste mechanische Uhr auf portugiesischem Boden wurde in der Kathedrale von Lissabon (Sé de Lisboa) eingebaut.

Die homens bons (gute Herren), der cabido (das Domkapitel) und König Fernando hatten einen mestre João francês (Meister Franzosen Johann) hierzu beauftragt und bezahlt.

Vermutlich hatte diese Uhr keine Zeiger, sondern setzte ein Glockenschlagen in Bewegung, damit die Tore der judiaria (Judenviertel) und der mouraria (Muslimenviertel) rechtzeitig geöffnet und geschlossen würden.

Vermutlich hatte der französische Meister viel Arbeit.
Die Uhr war bereits 230 Jahre alt, im Jahr 1147 bei der Eroberung Lissabons beschlagnahmt woden und seither nicht mehr benutzt.

Erst mit der Hochzeit im Jahr 1387 von König Joao mit Filipa de Lencastre gewinnt Portugal Zugang zur nordeuropäischen Uhrmacherkunst.

Uhr Nr. 2
1490, im Zeitalter der Entdeckungen, als zur Zeit von Dom Manuel wird in Lissabon die Capela Real (Hofkapelle) aus der Festung Sao Jorge in Nähe des Anlegerhafens verlegt und eine zweite Uhr gebaut und gleich ein Turm dazu: Torre do Relógio.

Die Hofkapelle wird unter König Joao zu einer Pfarrkirche umgewidmet und der Uhrenturm abgerissen.

Ein Neubau wird dem Italiener Canevari in Auftrag gegeben, im Stil des Barock..
Es muß ein prächtiger Uhrenturm gewesen sein, das Uhrwerk war vermutlich aus Flandern, ähnlich dem Modell, welches sich im Schloß von Mafra befindet.

Der Uhrenturm wird im Jahr 1755 durch das Erdbeben gänzlich zerstört.

Die königliche Familie hat das Erdbeben überlebt, das Schloß in Lissabon liegt in Trümmern und die Familie bezieht in Ajuda eine Notunterkunft aus Holz die Real Barraca (Königliche Baracke)

Uhr Nr. 3
1793 wird der einzige Turm fertiggestellt, der komplett aus Stein gebaut ist, der Glockenturm der Hofkapelle.

1796 wird in den Glockenturm eine Uhr des Meisters José da Silva Mafra eingebaut.
Diese Uhr gibt es dort noch heute (aber verwahrlost)

Uhr Nr. 4
Ende 1883 wird an das Bogentor der Rua Augusta eine Uhr eingebaut, die aus dem Convento de Jesus (heute Akademie der Wissenschaften) stammte.
Der Begründer einer Schule für Uhrmacher im Waisenhaus Casa Pia , Augusto Justiano de Araújo.

Das Uhrwerk gibt es noch heute, allerdings hat man in den Torbogen Mitte des 20.Jahrhundets eine neue Uhr aus der Werkstatt Manuel Francisco Cousinha gesetzt.
Diese Uhr war allerdings zu ungenau, um jemals eine offizielle Uhr zu werden.

Sonnenuhr
1857 funktioierte im Castelo de Sao Jorge, wo sich das Observatorio Astronomico (Sternwarte) befand ein Meridian (Sonnenuhr) des Meisters Verissimo Alves Pereira.
Zu Hochmittag feuerte ein kleines Geschütz einen Böller.

Die Warte der Sonnenuhr zog um in die Polytechnische Hochschule.

Zeitball
Seit 1858 gibt es am Ufer am Anlegerhafen Lissabon ein Exemplar der damals allerneusten hochmodernen Zeitanzeige

Seitdem Seefahrer zur Bestimmung des Längengrads bei der genauen Berechnung ihrer Position auf See eine möglichst auf die Sekunde (!) genau geeichte Uhr an Bord haben müssen & wollen, war einem Engländer die glorreiche Idee gekommen, in Häfen einen

Zeitball ,
Time Ball,
Boule du temps
,
einzurichten.

Das wollen Portugiesen selbstverständlich auch haben

Im Zeughaus der Marine
am Cais do Sodré
in Lissabon
wird der Zeitball errichtet

Balão do Arsenal da Marina
(Ballon des Arsenals der Marine)

Täglich um 12.30:
Der Ball steigt auf halbe Höhe......

15 Minuten vor Schlag 13. Uhr:
der Ball steigt langsam bis hoch zur Mastspitze....

Schlag 13 Uhr Greenwich
mit einem Sirenenton
stürzt der Ball in die Ausgangsstellung

während dessen die Schiffsuhren ajustiert werden können

Quelle:
O Réprobo

Was hier oben abgebildet sehen, ist allerdings nicht der original Zeitball aus 1858.
Der war schnell zum Gespött sämtlicher gebildeter Portugiesen und ausländischer Matrosen geworden.....
Der Mechanismus war nämlich unglaublich originell !

Ein portugiesischer Hafenbeamter
hatte die gemütliche Aufgabe,
den Ball an einer Schnur hochzuziehen
-langasam, damit es nach
elektrisch gesteuerter Genauigkeit aussieht-

und dann runterfallen zu lassen

Was wir oben sehen ist die moderne Einrichtung mit elektischer Steuerung verbunden mit der staatlichen Sternwarte des Jahres 1885

Dieser Balão de Arsenal wurde im Jahr 1914 vom Ufer weg hin auf das Dach der Polytechnischen Hochschule umverlegt.
Dort konnte es wegen der Entfernung von den Seeleuten nicht mehr als Richtzeit verwendet werden.
Quelle:
Fernando Correia de Oliveira
Obrigado, Fernando, Danke !

Im Jahr 1915 konten die Portugiesen die offiziliellen Stunden an dieser Uhr ablesen



Hora Legal
(gesetzliche Richtzeit)
Aufnahme von
Joshua Benoliel
Quelle:
Bic Laranja

1846
Auch in Porto will die Stadtverwaltung eine moderne Zeitansage einrichten.
Und das ging folgendermassen.....

Auf dem Rokokoturm genannt Torre dos Clerigos wurde im obersten Fenster eine kleine Kanone aufgestellt, deren Zündschnüre (für jeden Tag einen) unter einem Vergrößerungsglas lagen, sodaß immer,wenn die Sonne exakt im Zenit steht, die Zündschnur entzündet und ein Böllerschuß abgefeuert wird.

Verissimo Alves Pereira, der Erfinder dieser genialen und unbestechlich genauen Zeitermittlung, beschreibt stolz die Funktionsweise:
Passando o sol pela linha Norte-Sul da cidade, um de 8 delgados cordões feitos de 4 fios de retrós preto que se acha na mesma linha, se queima quando ferido pelo foco de uma lente, e imediatamente pelo espaço de quase dois minutos se faz ouvir um repique dado em muitos sinos, e a detonação de um morteiro. Isto se passa na altura de 52 metros, ou, pouco mais ou menos 235 palmos acima da base da Torre, e portanto dá aviso à maior parte da cidade de quando é o seu verdadeiro meio-dia, e convida a todos para que regulem seus relógios talvez duzentas e tantas vezes por ano, que tantos são os dias presumíveis em que a atmosfera do Porto deixa ver àquela hora a face do sol”.
Quelle:
Instituto Camões

Es wird Zeit, daß ich nochmals die Höhen des Turmes dieses Torre erklimme, um mir unter diesem Aspekt die Örtlichkeit für ein Aufstellen von Kanonen in Augenschein zu nehmen.

Es wäre ja vielleicht eine gute Idee.

Die Alfacinhas (Salatköpfe) -so nennt man spöttisch die Bewohner von Lissabon- wollen ja auch wieder ihren Ballon wiederhaben...